Schrott

SCHROTT ist eine tänzerische und musikalische Intervention über das Verhältnis von Klang und Bewegung, Dilettantismus und Virtuosität. Der Komponist Ritzenhoff und die Choreografin Barbara Fuchs tauschen die Rollen: er tanzt und sie macht Musik – das Wagnis, daran grandios zu scheitern, ist kalkuliert.

Häufiger findet derjenige etwas Neues, welcher eine Kunst nicht versteht, als derjenige, welcher sie versteht. Gleichermaßen ein Autodidakt eher als ein anderer. Er bricht nämlich durch eine von den übrigen nicht betretene Bahn oder Pforte und findet so eine andere Ansicht von den Dingen.
Leibniz

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Fotos

Fotos: © Wolfgang Weimer

Schrott ist eine Tanzfuchs Produktion, koproduziert vom Choreografen Netzwerk BARNES CROSSING, gefördert von/durch: Stadt Köln, Ministerpräsident des Landes NRW, Kunststiftung NRW, Fonds Darstellende Künste.

Presse

Hans-Christoph Zimmermann, Bonner Generalanzeiger, Feuilleton, 30.März 2010
Der Frosch im Schwan
Barbara Fuchs und Jörg Ritzenhoff zeigen ansehnlichen "Schrott" im Ballsaal.

Der ganze Dreck muss raus. Die Tänzerin Barbara Fuchs und der Musiker Jörg Ritzenhoff misten aus und werfen Kartons, alte Koffer und Verpackungen an die Seite. Doch es bleibt noch genug altertümliches Equipment auf der Bühne des Theater im Ballsaal zurück: Plattenspieler, Schneewittchensarg, Toy-Pianos, Kassettenrekorder, Funkgeräte - Technikdinos, die das Stück "Schrott" schon im Titel mitführt.

Was die Apparate auf den x-beinigen Tischchen hervorbringen, ist vor allem ein pulsierendes Knistern und Knacken. Das Rauschen der Technikgeschichte, in das sich Klangfäden aus Tschaikowskys Klassikern "Schwanensee" und "Nussknacker" mischen. Tänzerin und Musiker marschieren im Gleichschritt um die Fetischobjekte, werfen sich in ein kleines Schnalz- und Schmatzduett; Barbara Fuchs schrubbt auf einer Gitarre einen punkigen Zwei- Akkord-Song herunter. Szenen, die wie Relikte der Protest- und Performancekultur des vergangenen Jahrhunderts wirken. Komisch und witzig, aber auch geschichtsbewusst.

Der Bezugspunkt liegt zum einen im Dilettantismus. Da arbeitet sich die Tänzerin an der Gitarre und den Geräuschmaschinen ab, der Musiker wiederum darf mit ihr ein kurzes aberwitziges Duo mit Federn zur Musik von "Schwanensee" tanzen. Als subversive Strategie hat der Dilettantismus der Kunst immer wieder Impulse verliehen hat. Zugleich werden Tschaikowskys Meisterballette einer spielerischen Dekonstruktion unterzogen. Fuchs staucht als Sterbender Schwan ihren Körpers solange, bis nur noch ein plattgefahrener Frosch übrig bleibt; die vier Schwäne tanzen als kleine Schrauben auf einer Plexiglasfläche und die "Nussknacker"- Zuckerfee mutiert zur Schaufensterpuppe mit Hiphopmoves.

Hinter der Dekonstruktion leuchtet als historischer Bezugspunkt jedoch die gute alte Performancekunst auf. Nicht nur scheint der Tanz von jeder Repräsentation zugunsten des spielerischen Zitats befreit. Auch die live produzierten Geräusche, die per Funkgerät übertragen oder als Loop durch eine Bandmaschine gezogen werden, erinnern an das Gegenwärtige der Performance. Diese Dialektik hat jedoch ihren Preis, wenn das Spiel sich gelegentlich selbstgenügsam im Kreis.