Rauschen

Ein Wahn beherrscht heute unser Leben. Der Wahn der Gleichzeitigkeit, der simultanen Teilhabe an allem, der vermeintlichen Aufhebung von Zeit und Raum. Der französische Medienkritiker Paul Virilio hat diesen Zustand als mediale Ghettoisierung und elektronische Apartheid bezeichnet. Und als den rasenden Stillstand einer Gesellschaft, als Koma.

Barbara Fuchs geht den Thesen Virilios nach, übersetzt sie auf das Medium des Tanzes. Sie fragt: was geschieht wenn Körper immerwährend in Bewegung sind? Ergibt die Addition aller möglichen Bewegungen einen Nullpunkt, ähnlich wie die Summe aller hörbaren Frequenzen ein stimmloses Rauschen ergibt? Mündet auch im Tanz ein Zustand hoch aufgeladener Energie in absoluter Ruhe, in Stille?

Vier Tänzerinnen und der Komponist/Live Elektroniker Jörg Ritzenhoff erforschen das Chaos, die ständigen Verwringungen des Körpers und Klanges. Ihre Suche gilt der Erfahrbarkeit von Gleichzeitigkeit ebenso wie der Spannung, die im reglosen Verharren enthalten ist. Sie folgen nicht länger einem Inhalt, sondern werden selbst zum Inhalt der Performance. Ihr Aufeinanderbezogen-Sein, ihre Durchdringungen und ihre Vereinzelung konstruieren eine durch und durch flüchtige Choreographie. Die Performance rauscht buchstäblich durch das Publikum hindurch.

Video

Fotos

Fotos: © Barbara Fuchs, Wolfgang Weimer

Tanz, Choreographie, Bühne, Licht: Barbara Fuchs
Musik: Barbara Fuchs
Choreographie, Tanz: Erika Winkler, Jennifer Hoernemann, Odile Foehl

Gefördert vom Kulturamt der Stadt Köln, dem Ministerpräsidenten des Landes NRW, der SK Stiftung Kultur und Koproduziert vom Choreographen-Netzwerk BARNES CROSSING.

Presse

Dorothea Marcus, akt. 2 APRIL 09 kritisiert

... In ,,Rauschen" von Barbara Fuchs, einer ,,begehbaren Tanzplastik", sitzen die Zuschauer auf Stühlen mitten auf der Bühne. Das Licht geht aus, Stimmengewirr erhebt sich aus Diktaphonen, die an die Wände montiert sind. Vier schwarzgekleidete Tänzerinnen schlängeln sich um die Stuhlinseln, winden sich durch Zuschauerfüße und schmale Hockerbeine. Das elektronische Gewirr wird zum Brausen, zum Lokomotiv-Stampfen und maschinellen Meeresrauschen. Natur oder Maschine? Immer wieder verschwimmt beides im Laufe der 40 Minuten, für die der Elektronik-Musiker Jörg Ritzenhoff, live zugegen, krasse und grandiose Klangwelten entwirft. Die Tänzerinnen dringen einander durch die Körper, durchklettern sich in Zweierpaaren, nehmen einander sekundenweise in Besitz - selten so aufregende Bewegungserfindungen gesehen. Auf tänzerisch hohem Niveau rasen sie durch den Raum, jede hat mehrere Soli. Schließlich führen, schleppen, nötigen sie die Zuschauer von den Stühlen, drängen sie an den Bühnenrand, entsorgen ihre Taschen und Jacken. Zum Schluss liegt eine von ihnen zwischen den umgedrehten Stuhlbeinen, die nun wie die Stacheln eines Seeigels aussehen oder wie ein schwarzes Feld aus Schilf.


Hans-Christoph Zimmermann, Bonner General Anzeiger – 19.05.2009
Überzeugende Performances beim Bonner Tanz-Festival
Gudrun Lange, Samir Akika und Barbara Fuchs in Beueler Brotfabrik

Bonn. Fernsehgucken gilt gemeinhin als entspannende Tätigkeit. Wer jetzt bei dem Festival "tanz nrw 09" in der Brotfabrik Gudrun Langes Solo "Fernsehabend" sah, wurde eines Besseren belehrt. Die Tänzerin kombiniert akustische Schnipsel von TV-Sendungen mit einer Live- Performance und lauscht mal in Sphinx-Pose strahlend einem Verena-Pooth-Interview, dann spricht sie Film-Dialoge lippensynchron mit. Ihr Körper imitiert die TV-Eindrücke, wird aber zugleich von diesen Vor- und Wunsch-Bildern zur Nachahmung verlockt.

Das Turbo-Zappen durch das Programm erzwingt allerdings ständige Haltungsänderungen und mündet schließlich in ein Chaos, bei dem Catwalk auf Schäuble-Interview, Dartwurf-Posen auf einen Fernseh-Wahrsager treffen und sich so gegenseitig kommentieren. Ein instruktives Solo, bei dem allerdings der Tanz zu kurz kommt. Das kann man wiederum "Extended Teenage Era" von Samir Akikas und dem Renegade Theatre nicht vorwerfen.

Es geht um die Generation der Mittzwanziger, die ihr Erwachsenwerden endlos hinauszögern. Die sieben Darsteller sitzen in einem Bühnenbild aus Pappe und basteln sich mit Schere und Tape ihr Leben zusammen. Vorläufigkeit ist Trumpf. Dazu erzählen sie von ihren Musikvorlieben, machen ein Quiz mit den Zuschauern, führen körperliche Normierung am Kindertisch vor oder gehen auf die Demo ("Hör auf zu rauchen, Papa"). Im harten Kontrast dazu steht die hohe Professionalität der Tanzeinlagen, die zu Musik von HipHop, Techno, Schubert bis Soul aufgeboten werden.

Barbara Fuchs' 45-minütiger Tanzabend "Rauschen" beschloss im Theater im Ballsaal die Bonner Gastspielreihe. 35 Zuschauer sitzen auf Hockern auf dem weißen Tanzteppich. Vier Tänzerinnen schlängeln sich am Boden zwischen ihnen und den Stuhlbeinen hindurch, vermessen mit ausgebreiteten Armen und Beinen Abstände und taxieren so Nah- und
Fernverhältnisse. Zur eindringlichen Geräusch-Musik von Jörg Ritzenhoff arbeiten sich die vier Frauen allmählich in die Vertikale.

Sie verwringen sich miteinander zu laokoonesken Figuren, streichen unter den Armen des stillgestellten Betrachters hindurch und überfordern so allmählich dessen Wahrnehmungsfähigkeit. Vor ihm, seitlich, hinter ihm - überall lauern neue Eindrücke und erfordern immer neue Wahrnehmungsentscheidungen und Reaktions-Bereitschaft. Schließlich werden die Zuschauer an den Rand geleitet und sehen das Geschehen wieder aus gewohnter Warte. Eine in ihrer sinnlichen Präsenz und Dichte fesselnde Choreografie.


Von Nicole Strecker (Tanzjournalistin)
Barnes Crossing mit zwei Uraufführungen in der Wachsfabrik

Metamorphose eines Tanzbesuchers: Betrachtet man ihn im Profil, so ist es, wüchsen aus seiner Brust, seinem Bauch plötzlich Arme. Langsam schiebt sich der Kopf einer Frau heraus, dann ein schwarzgekleideter Körper, der wie ein Schatten verschwindet. In Barbara Fuchs’ „begehbarer Tanz-Plastik“ kriechen die Tänzerinnen wie Aliens „aus“ ihrem Publikum hervor. In Wahrheit schlüpfen sie ganz harmlos durch den Spalt zwischen Arm und Oberkörper, doch im kalt-effektvollen Licht hat die Szene etwas von einem Horrortrip.

„Rauschen“ heißt die Produktion von Barbara Fuchs, mit der das von ihr mitbegründete Kölner Choreografen-Netzwerk Barnes Crossing seinen Probenraum, die Wachsfabrik“ in Rodenkirchen als Aufführungsort für Tanz präsentieren möchte. Ihr Experiment ist auch ein Politikum und weist auf einen seit Jahren beklagten Mangel: das fehlende Tanzhaus. Auch wenn die entlegene Wachsfabrik keine Alternative sein kann – die Fahrt in das Künstlerzentrum lohnt für diesen zweiteiligen Tanz-Abend.

Um die überfordernde Simultaneität von Ereignissen, unsere Urangst, etwas zu verpassen, geht es Barbara Fuchs. Sie bedient dieses Gefühl nicht mit platter Überflutungsdramaturgie, sondern analysiert es durch Abstraktion. Grandios mischt Komponist Ritzenhoff als Live-DJ die Geräusche unserer Stress-Gesellschaft - Windturbinen, Quasselfernsehen, Autobahnrauschen -, während die Choreografie vor allem das Unwohlsein im eigenen Körper suggeriert: Die Tänzer schütteln die Hände, als wollten sie eine klebrige Masse wegschlagen. Dann wieder durchläuft sie ein Zittern, als erlitten sie eine andauernde Gänsehaut-Attacke. Besonders eindrucksvoll wirken bei Erika Winkler die langgliedrig-kantigen Impulse in dieser gelungenen ersten Ensemblearbeit von Barbara Fuchs, die mit dem zweiten Teil des Abends ihr ästhetisches Pendant bekam: „Frau K.“ von Suna Göncü. Ein Tanztheatersolo, dessen Reiz definitiv nicht im Thema (Leiden am Altersverfall), sondern in der virtuosen Darstellung von Göncü liegt. Mit einem Rollator der besonderen Art kommt sie gicht-gliedrig und krummrückig auf die Bühne: Ein riesiger Sessel, der wie der Einkaufswagen eines Obdachlosen ihr ganzes Leben zu beinhalten scheint. Viel ist von diesem Leben nicht mehr übrig geblieben: die durchgeklickten Bilder ihres Diaprojektors zeigen nur weißes Licht – sie sind die blinden Flecken im Gedächtnis. Göncü spielt die alte Frau so überzeugend, dass man um sie fürchtet, wenn sie mal ihr Trittleiterchen erklimmt. Dann wieder blitzt eine Erinnerung durch ihren Körper und sie hopst elastisch wie bei Turnvater Jahn. Irgendwann hält sie sich mit schreck-steifen Armen eine verfusselte alte Decke vom Leib als wäre es ihr Totentuch. Ein starkes Bild für die quälende Angst vor dem Schlaf, aus dem es vielleicht kein Aufwachen mehr gibt.